Wenn die Überlieferung durcheinandergerät – Eine bisher unbeachtete Archivmappe wirft viele Fragen auf

News vom 04.08.2026

Der Fund einer Mappe während der Revision des Bestandes GStA PK I. HA Rep. 156 – Immediatkommission für Wartegeldbeamte und Diätare (1820–1825) sorgt für Stirnrunzeln. Was haben ein Verwaltungsmanuskript aus der Zeit des Nationalsozialismus und französische Dekretentwürfe aus dem Königreich Westphalen in den Beständen des Finanzministeriums verloren?

Unterschiedliche Unterlagen in der entdeckten Archivmappe
Unterschiedliche Unterlagen in der entdeckten Archivmappe

Routinearbeiten im Magazin führen nur selten zu Überraschungen. Doch bei der kürzlich abgeschlossenen Bestandsrevision, bei der die bereits aus dem analogen Findbuch in die Archivdatenbank übertragenen Verzeichnungseinheiten überprüft, neu signiert und ihr Umfang erfasst wurden, tauchte in einem der zahlreichen Kartons eine bislang unbeachtete Mappe auf. Sie trug die Aufschrift «I. HA Rep. 156 E unbearbeitet (aus Karton 10)» und enthielt Dokumente, die offensichtlich nicht zu diesem Bestand gehören. Damit begann eine Spurensuche, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantworten kann.

Zwei Dokumentengruppen – zwei unterschiedliche Geschichten

Bei einem Teil der Dokumente handelt es sich um ein unvollständiges Schreibmaschinenmanuskript, welches auf den wenigen erhaltenen Seiten Finanzangelegenheiten der Kreisausschussverwaltung Grafschaft Bentheim (Nds.) in den Jahren 1933 bis 1936 behandelt. Beschrieben wird die Entwicklung von Steuereinnahmen, Reichssteuerüberweisungen und Kreisumlagen sowie Ausgaben für Straßenunterhalt und Beamtengehälter. Auffällig sind zudem Angaben zu den Kosten der Anstaltsfürsorge für psychisch Kranke («Geisteskranke») und der Sterilisierungen, die im Kontext der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik stehen.

Die zweite Dokumentengruppe führt mehr als ein Jahrhundert zurück. Die rund 30 Dekretentwürfe (Projets de Décret) wurden im Namen von Jérôme Napoléon Bonaparte im Juni 1808 geschrieben. Jérôme, im Volksmund auch «König Lustig» genannt, regierte das zwischen 1807 bis 1813 existierende Königreiche Westphalen, das aus den vormals preußischen, aber auch hessischen, hannoverschen und anderen Gebieten des ehemaligen Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation bestand. 2008 würdigte eine überregionale Ausstellung mit verschiedenen Publikationen und Veranstaltungen Jérôme Bonaparte und sein Königreich Westphalen. Ausgestellt waren auch einige Stücke aus dem Geheimen Staatsarchiv. Die Dekrete sollten durch die Kriegs-, Finanz-, Innen- oder Justizministerien ausgeführt werden und nennen als Ausstellungsort durchgehend „Napoleonshöhe“. Es handelt sich dabei um die damalige Bezeichnung für das Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel, der Hauptstadt des Königreiches.

Abbildung eines Dekrettextes mit Unterschrift von Jérôme Napoléon. Die Ortsangabe Kassel wurde hier durchstrichen und mit Napoleonshöhe ersetzt

Einblicke in den königlichen Alltag auf Napoleonshöhe

Die meisten Dekrete ordnen Ernennungen von Armeeangehörigen, Pfarrern, Professoren der Universität Halle und Domänenverwaltern an. Besonders hervorzuheben ist dabei eine rund zwanzigseitige Liste der neu ernannten Bürgermeister und deren Stellvertreter im Département Saale. 

Von besonderem kulturgeschichtlichem Interesse sind Bestimmungen für das Königliche Museum und die Bibliothek in Kassel. Neben den Gehältern des Konservators, des Museumsinspektors und des Bibliothekars werden darin auch die Öffnungszeiten geregelt. Ab dem 1. Juli 1808 sollten Bibliothek und Museum an festen Wochentagen halbtags für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Wissenschaftler der Natur- und Geisteswissenschaften erhielten darüber hinaus an zwei separaten Vormittagen Zugang zur Bibliothek. Im Sinne der Aufklärung war die landgräfliche Kunstsammlung schon unter Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel der Öffentlichkeit zugänglich gewesen. 

Artikel 5 eines französischen Dekrets zu den Öffnungszeiten der königlichen Bibliothek und Museum in Kassel

Die wiederentdeckten Dokumente ergänzen die wichtige Überlieferung der Zentralbehörden dieses sogenannten napoleonischen «Modell- und Satellitenstaats», wie er durch den Historiker Helmut Berding getauft wurde.  Das Geheime Staatsarchiv verwahrt diejenigen zentralen Unterlagen, die das gesamte Staatswesen betrafen sowie die sogenannten «Spezialakten» zu den Gebieten preußischen Anteils. Darin sind sowohl reichhaltige Quellen zur Lokal- und Regionalgeschichte der damaligen westphälischen Gebiete zu finden, als auch Unterlagen mit überregionaler und internationaler Bedeutung, die eine europäische Umbruchszeit widerspiegeln. 

Mögliche Erklärungsversuche

Die eigentliche Frage bleibt: Wie gelangten diese völlig unterschiedlichen Schriftstücke in dieselbe Archivmappe?
Eine Möglichkeit wäre, dass die fremden Unterlagen nach 1936 im Zuge einer Benutzung versehentlich zwischen die Akten des vorliegenden Bestandes gelegt wurden. Da keine Hinweise auf den Verfasser des Schreibmaschinenmanuskripts vorhanden sind, gestaltet sich die Suche in den historischen Benutzerkarteien und -journalen als sehr aufwendig und zeitintensiv.
Am plausibelsten erscheint derzeit folgendes: Die Unterlagen wurden im Zuge der zahl-reichen Aus- und Umlagerungen während und nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen-geführt. Das Geheime Staatsarchiv besitzt eine wechselvolle Geschichte, auf die im Rahmen der Ausstellung «100 Jahre Geheimes Staatsarchiv in Dahlem» hingewiesen wird.

Ordnung wiederhergestellt

Der genaue Hergang der Bestandsvermischung wird sich vermutlich nicht mehr genau rekonstruieren lassen. Erfreulicherweise konnten die Dekretentwürfe wieder in den Be-stand V. HA Königreich Westphalen integriert werden und stehen damit künftig Nutzen-den nun im korrekten Überlieferungszusammenhang zur Verfügung. 
Der Fund zeigt eindrucksvoll, dass die Arbeit im Archiv immer wieder Überraschungen bereithält – und dass selbst eine Bestandsrevision zu einer spannenden historischen Spurensuche werden kann.            

Nathalie Durot, Archivinspektoranwärterin