Zwischen Luther und Calvin

News vom 06.10.2022

Der Historiker Uwe Folwarczny analysiert in seiner 2019 an der Philosophischen Fakultät der Universität Potsdam entstandenen Dissertation die Handlungsvielfalt des brandenburgischen Kurfürsten Joachim Friedrich zwischen Dynastie, Territorien und Reich im Spannungsfeld von lutherischer Orthodoxie und konfessionellem Pragmatismus gerade auch durch geschickte Personalpolitik. Seine Arbeit erscheint nun in der Schriftenreihe des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz.

Hüftbild Kurfürst Joachim Friedrichs im Harnisch mit Kurzepter und Schwert, Münze 1604  Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, 18203812.  Aufnahme durch Lutz-Jürgen Lübke (Lübke und Wiedemann).
Hüftbild Kurfürst Joachim Friedrichs im Harnisch mit Kurzepter und Schwert, Münze 1604 Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, 18203812. Aufnahme durch Lutz-Jürgen Lübke (Lübke und Wiedemann).

Die frühen Hohenzollern-Kurfürsten vom 15. bis zur ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts haben in Gesamtdarstellungen und biografischen Einzelstudien bislang wenig Beachtung gefunden. Jetzt rückt mit der Zeit von 1598 bis 1608 jenes Jahrzehnt der brandenburgischen Landes- und Reformationsgeschichte in den Vordergrund, in welchem Kurfürst Joachim Friedrich regierte. Uwe Folwarczny stellt die Regierungszeit dieses Kurfürsten in die langen konfessionsgeschichtlichen Linien Brandenburg-Preußens seit dem 16. Jahrhundert. Er zeigt, welche Spielräume sich in den reichspolitisch besonders angespannten Jahrzehnten vor dem Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648)  boten, wie der Kurfürst diese nutzte und eigene Akzente zu setzen vermochte.

1539/1613 – Neudeutung demonstrativer Akte

Zwei demonstrative Akte flankieren die brandenburg-preußische Konfessionsgeschichte, die immer wieder gern zitiert, jedoch zumeist als urprotestantische Sendungsbekenntnisse vor- und fehlgedeutet wurden: 

Für die Regierungszeiten der beiden dazwischen regierenden Kurfürsten Johann Georg (Vater) und Joachim Friedrich (Sohn) hielt die Forschung bislang nur das Etikett „Zwischenphase“ bereit – und für Joachim Friedrich heißt dies, dass ihm entweder lutherisches Verharren nachgesagt oder er zum Wegbereiter des Reformiertentums hochstilisiert wurde.

Hier setzt die von Uwe Folwarczny verfasste Dissertation neue Akzente. 1539 erscheint weniger als disruptives Ereignis, denn als Teil eines bereits lange begonnenen und sich anschließend noch über mehrere Generationen hin erstreckenden vielfältigen kulturellen Durchwirkungsprozesses. Dieser trat in eine neue Phase ein, als Johann Georg das kurmärkische Kirchenwesen institutionell und spirituell eindeutiger als zuvor sein Vater Joachim II. zu einer lutherischen Landeskirche in Anschluss und Anlehnung an andere Landeskirchen umformte.

Pragmatik und Offenheit

Das zweite Ereignis – der Akt von 1613 – führte zu der paradoxen brandenburger Situation des Nebeneinanders des reformierten Minderheitenbekenntnisses des kurfürstlichen Hofes und des lutherischen Mehrheitsbekenntnisses in der Bevölkerung. Doch der bis 1608 regierende Joachim Friedrich hatte mit dieser späteren Entwicklung wenig zu tun; er war weder ein Anhänger Philipp Melanchthons noch gar ein Kryptocalvinist. Vielmehr folgte er dem Gebot der Stunde – und das hieß konfessionelle Pragmatik und Offenheit.

Beide Momente – Pragmatik und Offenheit – kann Uwe Folwarczny anhand zahlreicher Quellenbelege am Hof Joachim Friedrichs aufzeigen und überzeugend als Teil eines nach allen Seiten hin souverän-flexiblen Agierens interpretieren. 

Hatte Johann Georg im Wesentlichen das Werk seines Vaters fortgesetzt, so öffnete sich Joachim Friedrich bereits als Administrator den theologischen Einflüssen Westeuropas und nahm gewissermaßen eine Scharnierfunktion ein, um lutherisch-orthodoxe und reformierte Lehre zusammenzubringen, ohne jedoch selbst zum reformierten Glauben überzutreten. Somit werden die Stufungen individueller Konfessionalisierung sichtbar. Noch vor seinem Regierungsantritt hatte Joachim Friedrich, anfangs noch unter der Vormundschaft seines Vaters Johann Georg, wertvolle Erfahrungen als Administrator der Landesbistümer Havelberg (1552), Lebus (1559) und Brandenburg (1569) sowie des Erzbistums Magdeburg (1566) gesammelt.

Geschickte Personalpolitik

Dass dies nicht isoliert geschah, belegt die vom Verfasser sorgfältig herausgearbeitete Personalpolitik Joachim Friedrichs. Der Kurfürst bediente sich ausgewählter Ratgeber, die den reformatorischen Kurs Brandenburgs begleiteten, beeinflussten und beförderten. Dieses Personal wird hier erstmals methodisch sorgfältig in einzelnen Biogrammen vorgestellt. Es gelang Joachim Friedrich, auf den verschiedenen Handlungsfeldern zwischen den orthodox-lutherischen Anforderungen in der Mark und den außenpolitischen, dynastischen und gemeinprotestantischen Herausforderungen vor allem mit Blick auf die Sicherung der Erbansprüche auf die Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg und Preußen mit viel Geschick zu manövrieren.

Joachim Friedrich verstand es ganz offensichtlich erfolgreich, die hervorragenden Verbindungen seiner reformierten Räte für seine eigenen Ziele zu nutzen. Er selbst, wie auch sein Sohn Joachim Sigismund, ging dabei allerdings nicht so weit, dass er sich der anti-kaiserlichen Partei des Kurpfälzers anschloss. Der Gegensatz des streng lutherischen Personals in Brandenburg, das großteils gar nicht aus Brandenburg stammte, und der für das Auswärtige zuständigen Personen charakterisiert das dynamische, pragmatisch-strategische Agieren Joachim Friedrichs und die Vielfalt der Handlungsfelder.

Neubewertung der Regierung Joachim Friedrichs im Spiegel seiner individuellen Konfessionalisierung

Indem der Verfasser überzeugend dieses wesentliche Merkmal der Regierung Joachim Friedrichs herausarbeiten kann, wird umso deutlicher, dass eine umfassende Biografie nach wie vor aussteht. Erinnert sei nämlich u. a. an die Gründung des Geheimen Rats oder an seine Landesökonomie. Als Landesherr setzte er eigene Religions- und Konfessionalisierungsakzente. In der Mark belegt dies seine lutherische Kirchen- und Schulpolitik. Dagegen stand seine gemeinprotestantische Reichs- bzw. Außenpolitik ganz im Zeichen seiner Erbanwartschaften.

Paul Marcus

Uwe Folwarczny, Lutherische Orthodoxie und konfessioneller Pragmatismus. Kurfürst Joachim Friedrich von Brandenburg zwischen Dynastie, Territorien und Reich, Phil. Diss. Potsdam 2019, Berlin, Duncker & Humblot 2022 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz. Forschungen Band 20) / ISBN 978-3-428-18263-3

Cookie-Hinweis

Auf unserer Website werden neben den technisch erforderlichen Cookies noch Cookies zur statistischen Auswertung gesetzt. Sie können die Website auch ohne diese Cookies nutzen. Durch Klicken auf „Ich stimme zu“ erklären Sie sich einverstanden, dass wir Cookies zu Analyse-Zwecken setzen.

In unserer Datenschutzerklärung finden Sie weitere Informationen. Dort können Sie Ihre Cookie-Einstellungen jederzeit ändern.