Interview mit dem Schauspieler, Musiker und Bildenden Künstler Hansa Czypionka

Interview mit dem Schauspieler, Musiker und Bildenden Künstler Hansa Czypionka

von Anke Klare

Hansa Czypionka bei der Lesung von Kleist-Briefen auf der Vernissage am 13. August 2019, © GStA PK / Christine Ziegler

Hansa Czypionka, Schauspieler, Musiker und Bildender Künstler, im Gespräch mit Anke Klare, Kuratorin der Ausstellung »O du meine Allertheuerste« - »Höchstgebietender Herr Staatskanzler…« Korrespondierende Überlieferung zu Heinrich von Kleist im Geheimen Staatsarchiv PK und im Kleist-Museum, über seine Begegnungen mit Heinrich von Kleist.

GStA PK: Lieber Herr Czypionka, Sie haben anlässlich der Eröffnung der mittlerweile beendeten Kleist-Ausstellung im Geheimen Staatsarchiv am 13. August 2019 Briefe des Dichters Heinrich von Kleist gelesen. Mit dem Kleist-Museum in Frankfurt (Oder) hatten Sie ja früher schon einmal zusammengearbeitet. War Ihnen das Geheime Staatsarchiv in Berlin-Dahlem vorher auch bekannt?

Hansa Czypionka: Nur dem Namen nach; vermutlich war es einfach zu geheim...

GStA PK: Sie haben eine besondere Beziehung zu Heinrich von Kleist und sich mit dessen Werk schon mehrmals auseinandergesetzt. Wann sind Sie ihm als Autor oder Person das erste Mal begegnet?

Hansa Czypionka: In der Schule haben wir Kleist nur gestreift. Meine erste wirkliche Begegnung fand während des Schauspielstudiums statt: „Über das Marionettentheater“ war ein Pflichttext. Und im Sprechunterricht gab’s eine atemlose Passage aus dem „Kohlhaas“ über die Begegnung mit Luther: „Er kehrte unter fremdem Namen in ein Wirtshaus ein, wo er, sobald die Nacht angebrochen war, mit einem Mantel und einem Paar Pistolen, die er auf der Tronckenburg erbeutet hatte, versehen, zu Luthern ins Zimmer trat...“. Dafür können Sie mich heute noch mitten in der Nacht wecken; den habe ich fest auf der Festplatte. Aber tun Sie’s bitte nicht! Leider hat die Passage es nur verkürzt in unsere Textfassung geschafft.

Hansa Czypionka bei der Lesung von Kleists „Michael Kohlhaas“ auf der Finissage am 11. September 2020, © GStA PK / Christine Ziegler

Als ich ein paar Jahre später am Wiener Burgtheater engagiert war, hatte ich die Freude, für den ORF im Kreise illustrer Kollegen Heinrich von Kleist in einem Hörspiel über sein Leben zu sprechen: „Als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären.“ Das war eine tolle und sehr intensive Arbeit, die viel über Kleists Zeit und die äußeren Umstände, aber auch über sein Innenleben erzählt hat; alles aus Briefen und Zeitdokumenten, sehr spannend.

Ach so, in der „Herrmannsschlacht“ mit Gert Voss und Kirsten Dene hab ich damals auch mitgespielt und es war faszinierend zu erleben, wie diese großen Kollegen Kleist absolut heutig und direkt gesprochen und gespielt haben.

GStA PK: Was interessiert Sie an seinem Leben oder seinem Werk besonders?

Hansa Czypionka: Da komme ich leider nicht um den überstrapazierten Begriff „Zerrissenheit“ herum. Träumer und Realist, das trifft es für mich am Ehesten.

GStA PK: Haben Sie ein Lieblingsstück oder eine Lieblingsfigur aus seinem Œuvre?

Hansa Czypionka: Wahrscheinlich wird das schon der Michael Kohlhaas sein. Diese gepeinigte aber immer irgendwie aufrechte Figur; Outlaw und Gerechtigkeitsfanatiker - und außerdem ein Pferdemensch! Ein bissl Robin Hood halt auch, aber ohne Happy End, sondern erschreckend konsequent.

GStA PK: Wie haben Sie sich ihm in der Vergangenheit künstlerisch genähert? Konnten Sie bereits in einem seiner bekannten Dramen als Darsteller auf der Bühne stehen?

Hansa Czypionka: Leider sehr wenig; außer der schon erwähnten „Herrmannsschlacht“ hatte ich bisher nicht das Vergnügen. Ich fühle mich aber absolut reif für den Dorfrichter Adam im „Zerbrochnen Krug“.

Hansa Czypionka und Claus Boesser-Ferrari auf der Finissage am 11. September 2020, © GStA PK / Christine Ziegler

GStA PK: Halten Sie die dortigen Fragen um Recht und Gerechtigkeit noch heute für aktuell?

Hansa Czypionka: Absolut. Durch die Vernetzung und die globalen Herausforderungen ist jeder mehr denn je aufgefordert, seinem Gewissen zu folgen und sich der Frage zu stellen: Wozu bin ich aufgerufen? Wie handle ich in meiner Position richtig und verantwortungsvoll?

GStA PK: Denken Sie wie einige Kleist-Forscher, dass Kleist, der zu Lebzeiten nur wenig Anerkennung bekam, ein moderner Autor und seiner Zeit voraus war?

Hansa Czypionka: Ja.

GStA PK: Sie haben seine Novelle „Michael Kohlhaas“ aus dem Jahr 1810 zusammen mit dem Musiker Claus Boesser-Ferrari künstlerisch bearbeitet und als musikalische Lesung wiederaufgeführt. Zu unserer Freude haben Sie das Stück auch zur Abschlussveranstaltung am 11. September 2020 in unserem Haus gespielt. Fasziniert Sie vor allem Kleists Sprache oder die Handlung der Erzählung?

Hansa Czypionka: Beim „Kohlhaas“ tatsächlich beides zu gleichen Teilen. Wobei die sprachliche Wucht und die unglaublichen, ausufernden Schachtelsätze schon einen ganz eigenen Reiz haben. Aber der Plot ist eben auch nicht von Pappe. Ich mag ja vor allem die Wendung ins Metaphysisch-Mystische, wenn die alte Zigeunerin auf den Plan tritt und Kohlhaas das Mittel zu seiner Rettung buchstäblich in die eigenen Hände legt. Was er dann damit macht, ist tragisch, aber es hat schon Größe.

GStA PK: Kannten Sie die Briefe des Dichters vor der Lesung in unserem Haus in größerem Umfang und haben Sie durch die Lektüre etwas Neues über ihn erfahren?

Hansa Czypionka: Die Briefe aus dem Geheimen Staatsarchiv kannte ich im Einzelnen nicht. Durch sie habe ich tatsächlich eine mir bis dato nicht so gegenwärtige Ader für Humor bei ihm entdeckt.

"Die Briefe aus dem Geheimen Staatsarchiv kannte ich im Einzelnen nicht. Durch sie habe ich tatsächlich eine mir bis dato nicht so gegenwärtige Ader für Humor bei ihm entdeckt."

Hansa Czypionka

GStA PK: Wären Sie als sein Zeitgenosse gern mit ihm befreundet? Aus welchen Gründen?

Hansa Czypionka: Schwierige Frage. Das war bestimmt kein einfacher Mensch. Aber trotzdem: ja. Vielleicht hätte ich gern mit ihm musiziert. Er soll ein guter Klarinettist gewesen sein.

GStA PK: Welche Fragen hätten Sie an ihn?

Hansa Czypionka: Die würden sich tatsächlich hauptsächlich um seinen Freitod drehen. Der hat zwar eine gewisse Schlüssigkeit, aber was hätte es gebraucht, ihn im Leben zu halten?

GStA PK: Planen Sie noch weitere Projekte zu Heinrich von Kleist?

Hansa Czypionka: Momentan nicht. Nach der Auseinandersetzung mit den Schwergewichten Kleist und Büchner reizt mich gerade die Auseinandersetzung mit einem Schwergewicht der Leichtigkeit: Erich Kästner.

GStA PK: Welche anderen Autoren waren oder sind für Sie als Künstler von ähnlicher Bedeutung?

Hansa Czypionka: Georg Büchner, Christian Dietrich Grabbe, Georg Heym. Und Vincent van Gogh –  sowohl als Maler als auch durch seine Briefe.

GStA PK: Aktuell ist es keine einfache Zeit für selbstständige Künstler. Wie haben Sie ganz persönlich die Krise durch die Corona-Pandemie und deren Folgen für Ihre künstlerische Arbeit erlebt?

Hansa Czypionka und Claus Boesser-Ferrari auf der Finissage am 11. September 2020, © GStA PK / Christine Ziegler

Hansa Czypionka: Nach der verhängten Schließung hatte ich das große Glück, dass das Renaissance-Theater unsere Gagen zum größten Teil weitergezahlt hat. Das war absolut nicht selbstverständlich und dafür bin ich sehr dankbar. So war ich wirtschaftlich nicht akut bedroht. Die gewonnene freie Zeit konnte ich schon auch nutzen und teilweise durchaus genießen. Bildhauerisches Arbeiten im Freien war eh kein Problem; auch meinen diversen musikalischen Aktivitäten konnte ich verstärkt nachgehen. Es gibt ja immer so viel zu lernen! Das Zusammenspiel und der Austausch mit anderen hat natürlich schon gefehlt - aber die damit einhergehende Entschleunigung und Besinnung habe ich auch als Gewinn empfunden. An einem Tag direkt zu Beginn sind gleich zwei ziemlich konträre Songs entstanden: „Licht Aus“ und „UFO“ - von daher konnte ich der Krise auch Positives abgewinnen. Ich freue mich aber schon sehr darauf, das alles wieder mit Menschen teilen zu können!!

GStA PK: Sie sind sehr bekannt als Fernsehdarsteller. Ist abzusehen, wann Sie als Schauspieler wieder auf einer Theaterbühne zu sehen sind?

Hansa Czypionka: Nach langer Bühnenabsenz erfreulicherweise wieder gehäuft. Letztes Jahr habe ich in Bregenz in Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende“ Rudolf von Habsburg gespielt, der dann Kaiser wird. Das fand ich mal angemessen.

Danach gab es zwei schöne Produktionen am Renaissance-Theater Berlin. Und Ab Ende November spiele ich an der Neuköllner Oper in Moritz Rinkes „Der Mann, der sich Beethoven nannte“ den Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker. Darauf bin ich schon sehr gespannt – und freue mich vor allem auf die Zusammenarbeit mit dem transkulturellen „Trickster Orchestra“.

Denn neben Schauspiel gehört meine zweite Liebe der Musik!

GStA PK: Vielen Dank!

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