Konvertit

"Der Spiegel der catholischen Wahrheit"

Großonkel des Kurfürsten Friedrich Wilhelm und Konvertit aus dem Hause Brandenburg

Von Franziska Mücke

Der folgende Text wurde zuerst abgedruckt in: Mathis Leibetseder (Hg.): Kreuzwege. Die Hohenzollern und die Konfessionen 1517-1740, Berlin 2017, S. 376-377.

Bereits im Kindesalter wurde Markgraf Christian Wilhelm von Brandenburg (1587–1665) zum Nachfolger seines Vaters, des Kurfürsten Joachim Friedrich (reg. 1598–1608), als protestantischer Administrator des Erzbistums Magdeburg, später auch zum Administrator des Bistums Halberstadt bestimmt. Von Beginn an wurden ihm die Ämter jedoch von verschiedenen Seiten streitig gemacht. Schließlich gelang es dem Kaiser 1628 seinen eigenen Sohn, Erzherzog Leopold Wilhelm (1614–1662), durch den Papst zum Erzbischof Magdeburgs ernennen zu lassen und dort damit Rekatholisierungsmaßnahmen einzuleiten (1). Markgraf Christian Wilhelm suchte nun die aufgeladene Stimmung in der Stadt zu nutzen – vermeintlich mit den schwedischen Truppen König Gustav Adolfs im Rücken – um seine alte Stellung im Erzbistum zurückzuerlangen und die kaiserlichen Truppen zurückzudrängen; dies misslang gründlich. Mit großen Teilen der Stadt Magdeburg löste sich im Mai 1631 unter dem Sturm der kaiserlichen Truppen auch die politische Zukunft des Markgrafen Christian Wilhelm in Rauch auf. Er wurde gefangen genommen und in Wiener Neustadt inhaftiert.

Folgt man seiner zuerst 1633 publizierten und danach mehrfach neu aufgelegten Konversionsschrift, begannen bereits auf der Reise dorthin umfangreiche Bemühungen, Christian Wilhelm zum katholischen Glauben zu bekehren. Neben verschiedenen Geistlichen trat auch ein Neffe des obersten Heerführers Graf von Tilly (1559–1632) „in einen Religionsdiscours“ (S. 2) mit Christian Wilhelm. Ein Motiv für dessen am 30. März 1632 tatsächlich erfolgte Konversion (S. 36) wird in der Schrift ebenfalls angeführt: der „Ruin der Statt Magdeburg“, trotz seiner wiederholten Gebete, sei ihm „Zeichens gnug“ gewesen, „so uns Gott der Herr […] gezeiget und gewiesen“ (S. 12). Die tatsächlichen Umstände und die Gründe einer Konversion sind aus publizierten Konversionsschriften jedoch nicht unbedingt herauszulesen.  Generell dienten solche Schriften sowohl der Rechtfertigung des Konvertiten als auch der katholischen Missionierung und müssen nicht vom Konvertiten selbst verfasst worden sein. Festzuhalten bleibt, dass die Konversion Christian Wilhelms in direktem zeitlichem Zusammenhang zu seiner Begnadigung und Freilassung durch den Kaiser stand (2). Dennoch widersprechen politischer Nutzen oder gar das Bemühen um Existenzsicherung einer genuin religiösen Motivation von Konversionen nicht prinzipiell (3). In der Neuauflage der Konversionsschrift Christian Wilhelms von 1653 wurden das Porträt des Markgrafen und die emblematische Übertragung des Titels der Schrift – Speculum veritatis (Spiegel der Wahrheit) –  einander auf einer Doppelseite gegenübergestellt.

Markgraf Christian Wilhelm von Brandenburg an Pater Johann Gans
Markgraf Christian Wilhelm von Brandenburg an Pater Johann Gans - Wien, 02.03.1641 $ Handschreiben; Abschrift (Registereintrag) - GStA PK, I. HA Rep. 94, IV. H. c. Nr. 3, fol. 39–40 © Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz / Vinia Rutkowski
Markgraf Christian Wilhelm von Brandenburg über seine Konversion
Markgraf Christian Wilhelm von Brandenburg [?]: Speculum veritatis Brandenburgicum. Unser von Gottes Gnaden Christian Wilhelms, Markggrafen zu Brandenburg […] Spiegel der Catholischen Wahrheit, In welchem […] Vrsachen verfasset, so durch sonderbare Gnad vnd Güte deß Allerhöchten, der Lutherischen Religion vrlaub zugeben, vnd dagegen zu der H. Römisch Catholischen Kirchen zutretten […] - Köln: Bernhard Raßfelt 1653 $ GStA PK, Dienstbibliothek 56, 753 © Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz / Christine Ziegler

In den Jahrzehnten nach seiner Konversion zeigte sich, dass Christian Wilhelm in seiner mittellosen Situation auf ein Netzwerk katholischer Konvertiten zurückgreifen konnte. Zu ihnen gehörte der 1624 konvertierte Lukas Holstenius (1596–1661), der an der 1622 gegründeten Congregatio de Propaganda Fide in Rom die Rolle eines inoffiziellen Agenten für die Betreuung insbesondere deutscher Konvertiten einnahm (4). Für Christian Wilhelm übersetzte er ein Schreiben an Papst Urban VIII., in dem der Markgraf beschreibt, wie er „von Kindheit auff von meinen ferstlichen Eltern in der finsternuß ausser der wahren Kirchen in dem ketsrischen glauben aufferzogen, nun aber auß Gottlicher sonderbahrer erleuchtung und provident[ia] in dem wahren Glauben besser informiret undt unterrichtet worden, und deswegen ze der wahren alleinseeligkmachenden reinen lehr und glauben der Römischen Kirchen getretten“ sei, und daran die Bitte anschließt, ihn „als ein gliedt der Römischen Kirchen nun hinfüro auff[zu]nehmen“ (5).

In seiner Konversionsschrift streitet Christian Wilhelm einen größeren Einfluss der Jesuiten auf seine Konversion ab (S. 34 f.). Doch versuchte er 1641 seine guten Beziehungen zum Jesuitenorden durch die Kontakte seines vormals ebenfalls konvertierten Beichtvaters, des Jesuiten Johannes Höfer (gest. 1646) (6), zu dem Beichtvater des Kaisers, Johann Gans (1591–1662), der ebenfalls Jesuit war, zu nutzen, um ihn als Fürsprecher für sein „negotium“ bei Kaiser Ferdinand III. (reg. 1637–1657) und dessen Minister, dem Grafen Maximilian von Trauttmannsdorff (1584–1650), zu gewinnen. Vor dem Hintergrund der kaiserlichen Rekatholisierungsbestrebungen im Reich erhoffte er sich wohl noch bis zum Abschluss der Westfälischen Friedensverhandlungen die Wiedereinsetzung in seine Ämter oder zumindest eine Entschädigung für den Verlust seiner Bistümer Magdeburg und Halberstadt. Letztlich erhielt er jedoch nur die Ämter Loburg und Zinna, wo er 1665 starb.

(1) Miehe, Lutz: "Das wäre ein Bissen für den Sohn Ihrer Majestät.". Das Ringen um die Vorherrschaft im Erzbistum Magdeburg während des Dreißigjährigen Krieges, in: "... gantz verheeret!". Magdeburg und der Dreißigjährige Krieg.Beiträge zur Stadtgeschichte und Katalog zur Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Magdeburg im Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen, 2. Oktober 1998 bis 31. Januar 1999, hg. von Matthias Puhle, Halle/Saale 21998, (Magdeburger Museumsschriften, 6), S. 35–44, hier S. 40.

(2) Karl Wittich: Aus den ungedruckten Papieren des Administrators Christian Wilhelm (Schluß), in: Geschichtsblätter für Stadt und Land Magdeburg 33 (1898), S. 209–336, hier S. 321 f.

(3) Eric-Oliver Mader: Fürstenkonversionen zum Katholizismus in Mitteleuropa im 17. Jahrhundert. Ein systematischer Ansatz in fallorientierter Perspektive, in: Zeitschrift für historische Forschung 34 (2007), S. 403–440, hier S. 427, Kim Siebenhüner: Glaubenswechsel in der frühen Neuzeit. Chancen und Tendenzen einer historischen Konversionsforschung, in: Zeitschrift für historische Forschung 34 (2007), S. 243–272, S. 264f.

(4) Markus Völkel: Individuelle Konversion und die Rolle der Famiglia. Lukas Holstenius (1596 – 1661) und die deutschen Konvertiten im Umkreis der Kurie, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Bibliotheken und Archiven, 67 (1987), S. 221–281, hier S. 226 f.

(5) zit. nach GStA PK, I. HA Rep. 94 V G c Nr. 7; vgl. BAV, Barb. lat. 3631, fol. 60–61, dazu: Völkel 1987 (wie Anm. 4), S. 276.

(6) Andreas Räß: Die Convertiten seit der Reformation nach ihrem Leben und aus ihren Schriften dargestellt, Bd. 5: Von 1621–1638, Freiburg 1867, S. 387–398.

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