„Und sie alle sind des Königs Gäste“

News vom 22.07.2021

Eine neue Publikation geht den Krönungs- und Ordensfesten im langen 19. Jahrhundert nach. Die Historikerin Anna Dietrich präsentiert sie als identitätsstiftende und integrationsfördernde Strategien der preußischen Monarchie jenseits der traditionellen Hofrangordnung. Erschienen ist die Publikation in der Schriftenreihe des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz.

Ordensfest mit Friedrich Wilhelm IV. und Gattin Elisabeth im Rittersaal des königlichen Schlosses zu Berlin am 18. Januar 1851 anlässlich der 150jährigen Feier des Krönungs- und Ordensfestes.
Ordensfest mit Friedrich Wilhelm IV. und Gattin Elisabeth im Rittersaal des königlichen Schlosses zu Berlin am 18. Januar 1851 anlässlich der 150jährigen Feier des Krönungs- und Ordensfestes. Illustrierte Zeitung, Nr. 397, 8. Februar 1851, © bpk

„Und sie alle sind des Königs Gäste“ 

Das Krönungs- und Ordensfest ist in seiner Form ein ganz spezielles preußisches Instrument der Identifikationsstiftung monarchischer Kultur. Ende des Jahres 2019 hat Anna Dietrich ihre an der Philosophischen Fakultät bei der Humboldt-Universität zu Berlin verfasste Dissertation: „‚Und sie alle sind des Königs Gäste‘. Legitimationspolitik der preußischen Monarchie durch soziale Öffnung am Beispiel des Krönungs- und Ordensfestes (1810–1914)“ erfolgreich verteidigt. Jetzt ist ihre Arbeit in den „Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz – Forschungen Band 19“ erschienen, die vom Verlag Duncker & Humblot GmbH Berlin verlegt wird. 

Auf der Suche nach Legitimation

War den Monarchien ihre Legitimation durch Gottesgnadentum und Geblütsrecht infolge der Französischen Revolution endgültig abhandengekommen, waren sie gezwungen, neue Strategien ihrer Legitimation zu suchen und entwickeln. Dies gelang dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. mit der Stiftung des Krönungs- und Ordensfestes in ganz besonderer Weise. 

Was bislang vermutet wurde, belegt Anna Dietrich durch die Auswertung eines umfangreichen Quellenkonvoluts im Geheimen Staatsarchiv Preußischen Kulturbesitz sowie von über 700 zeitgenössischen Zeitungsberichten. Sie räumt mit Legenden auf und ordnet das Fest in seinen historischen Kontext ein. Dabei ist der besonders hervortretende persönliche Faktor der politisch Handelnden keinesfalls zu unterschätzen.

Ein neues Fest

Nach der vernichtenden Niederlage gegen Napoleon und dem totalen Zusammenbruch Brandenburg-Preußens waren Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise sowie einige Regierungsmitglieder nach Ostpreußen geflohen. 

Schon wenige Wochen nach der Rückkehr nach Berlin wurde erstmals am 18. Januar 1810 – in Erinnerung an die (Selbst-) Krönung Kurfürst Friedrichs III. zum König (I.) in Preußen 1701 – das Krönungs- und Ordensfest gefeiert. Und ebenfalls erstmals wurde eine Reihe neuer Orden und Ehrenzeichen an einfache Bürger und Handwerker verliehen. 

Anna Dietrich zeigt uns, wie die vier Monarchen – nämlich Friedrich Wilhelm III., Friedrich Wilhelm IV., Wilhelm I. und Wilhelm II. – in dem weiten Zeitraum von 1810 bis 1914 immer wieder neue Legitimationsanforderungen und Deutungen entwickelten. So vermochten sie es, das Verhältnis ihres Königtums zur Konstitution, zum Parlament und zur Regierung, aber auch zum Kaisertum und ganz besonders in der medialen (Breiten-) Wirkung jeweils neu zu positionieren.

Wilhelm II. gelang es sogar, den verfassungsrechtlichen Machteinschränkungen der Monarchie im Rahmen des Festes eine überkonstitutionelle Integrationskraft entgegenzustellen. Anna Dietrich zeigt, wie ausgerechnet er die Flexibilität der Monarchie als König und Kaiser durch soziale Anschlussfähigkeit innovativ unter Beweis stellte. 

Identifikationspotentiale der Monarchie

Das Krönungs- und Ordensfest war ein ganz neues Instrument monarchischer Legitimationspolitik. Anna Dietrich erläutert uns, was die „monarchische Kultur“ als emotionale Identifikationspotentiale zur Stabilisierung ihrer Herrschaft anbot und wie sie dies tat. 

Die emotionspolitischen Dimensionen des Festes wirkten dabei gleich zweifach: Einmal wirkte es durch seine Instrumentalisierung auf den Ebenen der Verwaltungen, der Medien und der Empfänger, und ein zweites Mal durch seinen Legitimität stiftenden Anschlusseffekt – und zwar bis in die Leserschaft von Zeitungen. 

Auffällig veränderte sich die amtliche Berichterstattung seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Zusehends bereitgestellt wurden journalistisch verfasste Berichte voll von Emotionen, um so die printmediale Berichterstattung als Instrument der Selbstinszenierung des Hofes zu nutzen und zu steuern. 

Die Printmedien wiederum vermittelten die Freude bei den Empfängern und den Stolz der durch einen Orden ausgezeichneten Familien, deren neues Unterscheidungsmerkmal in der Öffentlichkeit und das Hineinwirken in das soziale Umfeld der Dekorierten. Mit detailreichen Beschreibungen, so Anna Dietrich, stellte die Presse die Integrationskraft und die Integrationsfähigkeit der Monarchen sowie deren Modernität heraus – und suggerierte so deren Verankerung in der Bevölkerung.

Ein zwiespältiges Bild der Verleihungspraxis

Die Verfasserin zeichnet uns jedoch insgesamt ein eher zwiespältiges Bild von der Verleihungspraxis: Einerseits vermitteln die veröffentlichten Ordenslisten, dass mit dem Roten Adlerorden vierter Klasse und mit Einführung des Allgemeinen Ehrenzeichens (ab 1861) die niedrigen Auszeichnungen dominierten. Andererseits galt für die Teilnehmer an der Festgesellschaft vor allem unter Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I. genau das Gegenteil. 

Unter Friedrich Wilhelm III. gab es ein festes Kontingent. Unter seinen Nachfolgern entwickelte sich die Auszeichnungspraxis dann qualitativ und quantitativ zugunsten von Militär, Diplomatie und höfischen Würdenträgern. Erst Wilhelm II. bemühte sich wieder stärker um die Begegnung mit niedrigrangigen Untertanen und um eine breite Streuung. 

Nach 1871 gab es zunächst nur begrenzte Ansätze der Ausweitung der Ordenspraxis auf Bewohner der Reichslande und auf Reichsbeamte, da die Einigungselemente in erster Linie auf die preußische Krone bezogen wurden. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Fest gleichermaßen für reichs- und preußische Beamte, also unabhängig von der Staatsbürgerschaft genutzt.

Anna Dietrich führt uns vor Augen, wie die Empfänger und Spender in einem wechselseitigen Anerkennungsverhältnis standen. Die Ehrung als Bestandteil der emotionalen Entfaltung des ordenspolitischen Loyalitätsmanagements war zugleich Ausdruck der Akzeptanz des staatlichen Wertesystems. 

Anders als bei anderen Anlässen standen bei diesem Fest nicht die Bundesfürsten im Vordergrund. Dieses Fest war vielmehr der Loyalitätsbeweis der Neudekorierten gegenüber Monarchie, Regierung, Verwaltung und Bevölkerung. Zugleich überwand das Königspaar schon rein äußerlich durch sein Auftreten die sonst übliche Distanz monarchischer Entrücktheit. 

Ordensverleihungen an Frauen

Bemerkenswert, so Anna Dietrich, ist auch die Verleihungspraxis an Frauen. Zunächst auf Hof- und hoffähiges Personal beschränkt, erhielten seit Wilhelm I. weibliche Dekorierte aus bürgerlichen Kreisen eine neue Wertschätzung. 

Doch anstatt sie in das bereits bestehende Auszeichnungssystem zu integrieren, wurde ihre besondere Stellung durch eigene Ordensauszeichnungen herausgestellt. Gesellschaftliche Teilhabe und Einbindung in das Zeremoniell zeugen davon, dass der Aufwertung und der aufstrebenden sozialen Stellung der Frau seit Mitte des 19. Jahrhunderts im Rahmen des Festes besonders Rechnung getragen wurde. 

Und tatsächlich wurden bereits zeitgenössisch die dekorierten Festteilnehmerinnen – z. B. durch ihre namentliche Nennung – als Charakteristikum der besonderen sozialintegrativen Funktion des Krönungs- und Ordensfestes begriffen. 

Ein populäres Fest

Die Verfasserin belegt, dass das Fest breite Bevölkerungsschichten ansprach, um diese in das monarchische System einzubeziehen. Es nutzte kollektive Emotionen und sorgte für eine, die ständischen Grenzen übergreifende, aber nicht standesunabhängige Vergemeinschaftung. Zudem stand es – jenseits des traditionellen Reglements der Hofrangordnung – den Unterstützern von Krone und Staat offen. 

Mit der Stiftung dieses Festes setzte Friedrich Wilhelm III. also einen der symbolträchtigsten Akzente für eine neue und bislang unbekannte Akzeptanz der Monarchie in der Bevölkerung; in Europa sollte er einzigartig bleiben. 

Paul Marcus

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