Raub, Mord, Versklavung, Zerstörung

News vom 22.06.2021

Können militärische Karten menschliches Leid widerspiegeln? Eine Spurensuche in den Kartensammlungen des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion 1941

Titelblatt des Kartenwerks
Titelblatt des Kartenwerks Der Feldzug gegen Sowjet-Rußland, Bd. 1: Operationen Sommer-Herbst 1941 (Vom 21. Juni – 6. Dezember 1941), ohne Ort [1942] (Montage) © GStA PK / Vinia Rutkowski, XI. HA AKS, C Nr. 50001

"Am 22. Juni 1941 überfiel das nationalsozialistische Deutschland die Sowjetunion. Damit begann das mörderischste Kapitel des sogenannten Vernichtungskrieges im Osten, der im September 1939 mit dem Überfall auf Polen seinen Anfang genommen hatte. Den Nationalsozialisten ging es darum, ‘neuen Lebensraum‘ zu erobern. Dafür wurde die Versklavung und Auslöschung ganzer Staaten und Völker nicht nur in Kauf genommen; sie war erklärtes Kriegsziel. Die erbarmungslose deutsche Kriegsführung verwandelte zahllose Dörfer und Städte in verbrannte Erde. Millionen Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, fielen den Repressalien und dem Terror der deutschen Besatzer zum Opfer. Die Wehrmacht schlug damals geltendes Kriegsrecht in den Wind und ließ Millionen sowjetischer Kriegsgefangener bewusst verhungern. Und es waren deutsche Täter, die vor allem in Mittel- und Osteuropa das Menschheitsverbrechen des Holocaust verübten."

Bundesaußenminister Heiko Maas anlässlich des Gedenkens des Bundestages zum 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion und die Opfer des Krieges am 9. Juni 2021

Raub, Mord, Versklavung, Zerstörung - können militärische Karten menschliches Leid widerspiegeln? Wohl kaum. Und doch sind die Karten im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz wichtige historische Quellen, die man dort nicht vermuten würde. Sie belegen die Vorbereitung und den Vollzug des deutschen Angriffs vor 80 Jahren.

Angriff und Verteidigung

Ein Beispiel dafür sind die Lagenkarten zum Geschehen an der deutsch-sowjetischen Front bis zum Beginn der Offensive der Roten Armee vor Moskau am 6. Dezember 1941 (siehe Abbildungen). Auf diesen Karten, die im militärischen Einsatzgebiet alle wesentlichen Stellungen der eigenen und gegnerischen Kräfte mit Symbolen darstellten, erkennt man den Frontverlauf und die Stellung der Truppenteile westlich von Warschau.

Lage am 21. Juni 1941 abends (Ausschnitt, deutsche Truppen blau, sowjetische rot; Maßstab 1:2500000) © GStA PK / Vinia Rutkowski, XI. HA AKS, C Nr. 50001

Lage am 6.12.1941 abends (Ausschnitt) © GStA PK / Vinia Rutkowski, XI. HA AKS, C Nr. 50001

Die Karten zeigen, wie schwierig die sowjetische Verteidigung war. Die Sowjetunion war wegen des 1939 mit Deutschland geschlossenen Nichtangriffsvertrags nur unzureichend vorbereitet. In kurzer Zeit okkupierte Nazi-Deutschland große Gebiete des Baltikums, Russlands, Belorusslands und der Ukraine. Trotz großer Verluste gelang es der Roten Armee im Dezember 1941 dennoch, den Vorstoß der Wehrmacht vor Moskau zu stoppen. 

An der Verteidigung beteiligt war unter anderem der sowjetische Generalstabschef und Marschall Georgi Konstantinowitsch Schukow (1896-1974). Schukow befehligte später auch die siegreichen Schlachten um Stalingrad und Berlin. Er dachte aber auch über die Auswirkungen des Krieges auf die Entwicklung der UdSSR nach. 

"Welcher Wirtschaftswissenschaftler, Philosoph oder Schriftsteller kann ein lebensechtes Bild davon geben, zu welcher Blüte unser Land heute gelangt wäre, wie weit wir heute wären, wenn nicht der Krieg damals unser mächtiges, breites, friedliches Vorwärtsdrängen unterbrochen hätte..." Schukow: Erinnerungen und Gedanken, Bd. 1, 1969, S. 281.

Karten und Ideologie

Eine andere Sicht auf die Dinge vertraten die Angreifer. Den Lagenkarten vorangestellt ist eine Vorbemerkung des seinerzeitigen Leiters der Operationsabteilung, Generalmajor Adolf Heusinger (1897-1982). Heusinger war auch an der Ausarbeitung der Angriffspläne gegen die Sowjetunion aktiv beteiligt.

In der Vorbemerkung wird der „Ernst des Kampfes auf Leben und Tod, der bisher größten und schwersten Leistung des deutschen Soldaten im Ringen um Deutschlands Freiheit gegen das bolschewistische Rußland“ beschworen.

Im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht lesen sich Heusingers Beweggründe zur Anfertigung des Kartenwerks nüchterner: 

„Je länger der Krieg dauerte, umso weniger waren objektive militärische Meldungen an oberster Stelle erwünscht, umso mehr trat Wunschdenken an ihre Stelle. Das war der Grund, warum ich seinerzeit vor Beginn des Balkanfeldzuges die Zusammenfassung der Meldungen der Operationsabteilung des Generalstabes des Heeres anordnete. Sie sollten die nüchternen Tatsachen enthalten ohne politische oder persönliche Rücksichten. Diese Meldungen wurden täglich dem Wehrmachtführungsstab übermittelt.“ Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht 1940-1945 (Wehrmachtsführungsstab), hrsg. von P. Schramm, Bd. 1, Frankfurt a. M. 1965, S. 12E)

Man schätzt, dass 50 bis 100 Exemplare dieses Kartenwerks in der Druckerei des Oberkommandos des Heeres gedruckt und an die Mitglieder der Operationsabteilung verteilt wurden.

Das Kartenwerk im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz

Die Lagenkarten ohne Datierung, wahrscheinlich von 1942, umfassen 123 hälftig gefaltete lose Blätter im Format 67 x 124 cm. 

Die Karte ist 1953 innerhalb des Geheimen Staatsarchivs, damals Berliner Hauptarchiv für Behördenakten, von der Bibliothek an die Kartenabteilung abgegeben worden, um deren Kriegsverluste wenigstens zahlenmäßig ausgleichen zu helfen. Der Weg der Karte in die Bibliothek des Geheimen Staatsarchivs in Dahlem ist nicht bekannt. Ein Digitalisat eines weiteren Exemplars dieser gedruckten Karte, das sich in der Library of Congress befindet, ist im Internet verfügbar, wobei die Vorbemerkung fehlt.

Die Lagenkarten zählen aus archivischer Sicht zu den Kartensammlungen. Die Kartenabteilung eines staatlichen Archivs setzt sich aus Kartenbeständen und Kartensammlungen zusammen. Die Bestände werden aus den Plankammerüberlieferungen der an das Archiv abgebenden Behörden gebildet. In Kartensammlungen verwahrt das Archiv in der Regel Karten, die nachträglich zur Ergänzung seiner Bestände und Sammlungen angeschafft wurden. Oft handelt es sich um Karten, deren Herkunft unbekannt ist.

Archivquellen zum II. Weltkrieg in anderen Archiven

Im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz gibt es aufgrund der nationalsozialistischen Verwaltungskonzentration in Reichs-, Partei- und Militärorganisationen vergleichsweise wenig Unterlagen zum II. Weltkrieg. 

Die genuin militärische Überlieferung zum Zweiten Weltkrieg befindet sich nicht im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz. Interessierte wenden sich daher vor allem an das zuständige Bundesarchiv. Besonders aussagefähige Archivbestände nennt die Abteilung Militärarchiv Freiburg in der virtuellen Ausstellung "Deutsche Militärgeschichte 1867 bis heute".

Digitalisierte Dokumente zum Weltkrieg im Osten stellt auch das deutsch-russische Projekt zur Digitalisierung deutscher Dokumente in Archiven der russischen Föderation bereit. Seit 2016 digitalisiert das Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation mit dem Deutschen Historischen Institut (DHI) Moskau deutsche Akten aus sogenannten Trophäenbeständen.

Das Schicksal vieler sowjetischer Kriegsgefangener ist bis heute ungeklärt. Das DHI Moskau fördert seit längerem - zuletzt mit einer Tagung am 16. Juni 2021 - den wissenschaftlichen Austausch und die Archivkooperation zu diesem Thema.

Johanna Aberle und Klaus Tempel

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