Online neu entdecken: Quellen zum jüdischen Leben in Preußen

News vom 18.05.2021

Rechtzeitig zum Jubiläumsjahr „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ können wichtige Quellen zur Geschichte der Juden in Preußen neu entdeckt werden: Ob „Silberlieferung von 30.000 Mark von den Juden im Königreich Preußen 1765“ oder „Häuser in jüdischem Besitz in den Residenzstädten“ – die Akten sind neu verzeichnet und komplett digitalisiert. Sie verraten viel über 150 Jahre jüdischer Geschichte in Preußen und in der preußischen Hauptstadt Berlin.

Auflistung der Juden in Berlin samt ihrer Familien und Bediensteten für das Jahr 1744
Auflistung der Juden in Berlin samt ihrer Familien und Bediensteten für das Jahr 1744

Die neu verzeichneten und komplett digitalisierten Akten gehören zur Überlieferung des sogenannten Generalfiskals. Generalfiskal – darunter können sich heute die Wenigsten etwas vorstellen. Worum handelt es sich dabei?

Generalfiskal – oberster Staatsanwalt in Preußen

Tatsächlich versteckt sich hinter dem geheimnisvollen Begriff eine Art oberster Staatsanwalt in Preußen. Ihm oblag die Wahrung der landesherrlichen Gerechtsame (Nutzungsrechte und -ansprüche), die Kontrolle über die Einhaltung der Gesetze und die Beitreibung anfallender Strafgelder und Gebühren. 

Er war aber auch zuständig für die Überwachung des Schrifttums in Preußen und vor allem in Berlin – so zensierte er die deutsche Ausgabe von John Clelands erotischem Briefroman „Fanny Hill“ (1749) genauso wie Voltaires „Lettres philosophiques“ (1733). Zuständig war er ferner für die Verfolgung von behördlichen Dienstvergehen wie etwa Pflichtversäumnissen beim Einmarsch der Franzosen 1806. 

Kontrolle des jüdischen Lebens

Zu den staatlichen Gerechtsamen gehörten bis zur sogenannten „Judenemanzipation“ des 19. Jahrhunderts aber auch die Angelegenheiten der Juden in Preußen. 

Aufgabe des Generalfiskals war die Kontrolle der festgelegten Zahl der jüdischen Familien in Berlin und in den Provinzen, die Überwachung der Einhaltung geltender Reglements und vor allem die Beitreibung der von den Juden zu leistenden Abgaben, der sogenannten „Schutzgelder“. 

Auch bei der Gesetzgebung für die Juden wirkte er mit und hatte Stellungnahmen bei der Erteilung von Schutzbriefen und Konzessionen abzugeben. 

Seit 1750 musste er zudem die jährlich von den Kriegs- und Domänenkammern anzufertigenden „Judentabellen“ für Berlin und die einzelnen Provinzen prüfen, seit 1758 auch die Tabellen der jüdischen Hausbesitzer. 

Bei der Erledigung dieser „Judensachen“ arbeitete der Generalfiskal mit der preußischen Zentralbehörde für die innere Verwaltung, dem „Generaldirektorium“, zusammen. In dessen entsprechender „Bestandsgruppen-Analyse“ sind zahlreiche weitere Betreffe zu den Angelegenheiten der preußischen Juden aufgeführt.

Jetzt online sichtbar und erfahrbar

Dieser Aufgabenfülle ist zu verdanken, dass im Generalfiskalat eine Vielzahl von Akten zum jüdischen Leben in Preußen entstanden. Dementsprechend bilden diese Akten auch im heutigen Bestand einen besonderen Überlieferungsschwerpunkt – denn 260 der 360 erhaltenen Archivalien beziehen sich darauf.

Schon eine kleine Auswahl aus dem Online-Findbuch zeigt, was es in diesem Bestand alles zu entdecken gibt:

  • „Bestandsaufnahme der in den preußischen Provinzen lebenden Juden um 1800“
  • „Fiskalische Untersuchung gegen den Verleger und Kunsthändler Dreysig in Halle wegen unverschämter Schriften über den König und die Königin, 1799“
  • „Verpflichtung der privilegierten Juden zu Abnahme und Export von Porzellan aus der königlichen Porzellanmanufaktur gemäß Kabinettsordres vom 9. März und 7. Juni 1769“
  • „Fiskalische Untersuchung gegen den Kastellan Meister im Schloss zu Charlottenburg auf Ersatz der durch seine Fahrlässigkeit 1806 in französischen Besitz geratenen Gegenstände 1810“
  • „Tabellen von den Geburten, Trauungen und Sterbefällen bei den Juden in der Neumark für 1769 - 1776“.

Ziel des Festjahres „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ ist es, jüdisches Leben sichtbar und erlebbar zu machen. Diesem Ziel fühlt sich auch das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz mit dem neuen Online-Findbuch und darüber zugänglich gemachten Archivalien verpflichtet. Weltweit können Forscher*innen und interessierte Laien nun in knapp 150 Jahren preußischer und jüdischer Geschichte im Spiegel des preußischen Generalfiskalats online forschen und stöbern.

Auflistung der Juden in Berlin samt ihrer Familien und Bediensteten für das Jahr 1744

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