So ein ansehnlicher Platz…

News vom 15.04.2021

…ringsherum mit schönen Häusern wohl bebauet, und worauff man auch allerhand Boutiqven mit Wahren findet – als Johan Heinrich Gerken circa 1715 den Berliner Molkenmarkt beschrieb, schwärmte er von den kostbaren Gebäuden, die sich um den dreiseitigen Platz herum gruppierten, und von einem Ort mit besonderem Reiz. Eben diesem Platz widmet die Historische Kommission zu Berlin am 8. Oktober 2021 ein Wissenschaftliches Kolloquium. Lesen Sie den Call for Papers.

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Als ältester Platz Berlins, vormals Alter Markt (Olde Markt) genannt, bildete er – östlich des Mühlendamms gelegen – bereits in den Jahrzehnten um 1200 das wirtschaftliche Zentrum der sich um die Nikolaikirche entwickelnden Gemeinschaft. Die Nikolaisiedlung mit dem Molkenmarkt bot als Keimzelle Berlins einen Marktort, der Fernhändler anzog (und band), zu einem nicht bekannten Zeitpunkt Brandenburger Stadtrecht erhielt und ohne sein agrarisches Hinterland (den Barnim) nicht denkbar ist. Mit dem Molkenmarkt (sowie den angrenzenden Mühlen an der Spree) wurden für die freie (rechtlich selbstständige) Bürgerkommune, wie sie in der Mitte des 13.Jahrhunderts in den Quellen greifbar ist, die modernen infrastrukturellen Voraussetzungen geschaffen, um im Zuge des hochmittelalterlichen Landesausbaus das agrarische Hinterland wirtschaftlich zu erfassen und von der planmäßigen, kombinierten Stadt-Land-Siedlung zu profitieren. Mit dem Bau des hohenzollerischen Residenzschlosses seit 1443 auf der Cöllner Spreeinsel und mit dem dann in der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts beginnenden Zug gen Westen setzte die allmähliche Verlagerung hoheitlich-administrativer Funktions- und Repräsentationsbauten aus Berlin-Cölln in die neu entstandenen Städte Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt ein. Entlang der Straße ›Unter den Linden‹ entwickelte sich im 18.Jahrhundert die (modernere) Infrastruktur der aufstrebenden Residenz. In einem 200 Jahre währenden Modernisierungsprozess geriet Alt-Berlin in den Schatten der Residenz. Letztere strahlte in das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben hinein und löste den einstigen Charakter Berlins als Fernhandelsstadt für agrarische und forstwirtschaftliche Produkte ab. In der Frühen Neuzeit befanden sich die Adelpalais derer von Barfuß und von Schwerin ebenso am Molkenmarkt wie die Wohnhäuser städtischer Honoratioren – genannt sei das Stadtpalais des Ratsgeschlechts Blankenfelde. Der Platz gehörte mit seinen angrenzenden Straßenzügen bis in das letzte Quartal des 19.Jahrhunderts zum vornehmsten Teil der Stadt. Rund um den Molkenmarkt pulsierte das wirtschaftliche sowie gesellschaftliche Leben Berlins als Kommune. Mit dem nahen Bau des Berliner Rathauses in den 1860er-Jahren begann ein Wandel des Umfelds zu einem Verwaltungsviertel, der mit den nationalsozialistischen Planungen der 1930er-Jahre auch den Molkenmarkt für immer veränderte. Für die Errichtung eines neuen Stadtforums wurde die historische Wohnbebauung abgerissen. Fortan dominierten, auch da die Planungen nicht abgeschlossen wurden, Rotes Rathaus und Stadthaus den Stadtraum, ergänzt durch neue Bauten wie die Städtische Feuersozietät und die Reichsmünze. Noch bestehende Reste einer Wohnbebauung verschwanden endgültig in Folge des Zweiten Weltkriegs und der anschließenden Enttrümmerung der Innenstadt. Der Bau der neuen Grunerstraße deutete den historischen Molkenmarkt endgültig zu einem Verkehrsraum um. Jüngste Planungen verfolgen nun die Wiederentdeckung des historischen Stadtgefüges. Der Molkenmarkt scheint hierbei jedoch vielfach zur Chiffre für das Historische geworden zu sein und nicht als gegliederter, ansehnlicher Platzraum mit vielfältigen Funktionen wiederentdeckt zu werden. Für den historischen Molkenmarkt waren verschiedene soziale Gruppen prägend, von denen im Kolloquium zentrale Akteure untersucht werden sollen. Zunächst ist der Landesherr zu nennen, der mit dem Amt Mühlenhof, »dem Wirtschaftshof der fürstlichen Haushaltung am Mühlendamm« (Helbig) die renditeträchtigen Mühlen auf dem Mühlendamm betrieb. Diese Infrastruktur bestimmte im Südwesten des Molkenmarkts die Gebäudenutzung über Jahrhunderte hinweg und war aufgrund der Rechtsverhältnisse auch dafür ursächlich, dass hier die ehemalige Stadtvogtei angesiedelt war, die wiederum die Basis für die Ansiedlung des Polizeipräsidenten im 19.Jahrhundert schuf. Nicht zuletzt war das staatliche Grundeigentum des Areals Auslöser für den Bau der Reichsmünze. Als zweite soziale Gruppe soll auf die adligen und bürgerlichen Amtsträger fokussiert werden, die in landesherrlichen oder kommunalen Diensten stehend die Entwicklung Berlins maßgeblich mit beeinflussten. Zahlreiche von ihnen lebten und wirkten am Molkenmarkt. Den dritten Schwerpunkt bilden die Ladengeschäfte, Apotheken sowie die wirtschaftlich-gesellschaftlich herausragenden Berlinerinnen und Berliner. Ziel des Kolloquiums ist es, den Molkenmarkt in seiner angedeuteten Vielschichtigkeit epochenübergreifend zu untersuchen und ihn auf der Basis aktueller Forschungen in die sozial-, wirtschafts-, bau-, architektur- und kunsthistorischen Zusammenhänge der jeweiligen Zeit einzubetten. Wir freuen uns über Vortragsvorschläge von Historiker*innen, Archäolog*innen, Bau- und Kunsthistoriker*innen, Sozial- und Wirtschaftshistoriker*innen sowie Kulturwissenschaftler*innen zu anderen zentralen Marktplätzen, bestenfalls im Zusammenhang mit ältesten Flussübergängen in Deutschland und darüber hinaus, sowie zu den damit in Verbindung stehenden Gebäuden. Nicht zuletzt erhoffen wir Beiträge zu den genannten sozialen Gruppen. Vorträge aus den Bereichen der Archäologie, des Städtebaus und der Architektur sowie der historischen Geografie können im Rahmen einer interdisziplinären Betrachtung des Berliner Molkenmarkts neben der Geschichtswissenschaft weitere wertvolle Erkenntnisse liefern. Bitte senden Sie Ihre Abstracts (max. 2.000 Zeichen, deutsch- oder englischsprachig) sowie einen kurzen Lebenslauf bis zum 15. Juli 2021 an die Historische Kommission zu Berlin e.V. – info@hiko-berlin.de. Die Vorträge sollen zwanzig Minuten nicht überschreiten. Wir bemühen uns, eine Aufwandspauschale zu übernehmen, können aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine definitive Zusage geben. Eine Publikation der Beiträge ist geplant.  

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