Aus der Erschließungspraxis - Hotspot Königsberg – Die Abrieglung der Stadt während der Großen Pest im Jahre 1709

News vom 26.01.2021

Das GStA PK präsentiert in loser Folge ausgewählte Archivalien der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Archivs aus deren Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten an den Beständen, Nachlässen und Sammlungen.

Pest in Königsberg 1709. Signatur: GStA PK, XX. HA, AK, Atlas Nr. 10008
Kartenausschnitt A: Pest in Königsberg 1709. Signatur: GStA PK, XX. HA, AK, Atlas Nr. 10008

Zur Eindämmung und Bekämpfung der derzeit grassierenden COVID-19-Pandemie gelten seit Monaten massive Einschränkungen sowohl im öffentlichen als auch im Privatleben der Gesellschaft. Solche Einschnitte gab es bereits vor über 300 Jahren, als eine Pest-Epidemie das Leben in der Dreistadt Königsberg bestimmte. 

Im Jahre 1709 grassierte in Königsberg eine verheerende Pestepidemie, die circa einem Viertel der Stadtbevölkerung das Leben gekostet hat. Auf dem Höhepunkt der Pestwelle umstellte Militär die Stadt und isolierte sie von der Außenwelt. Handel mit dem Umland war nur noch auf Märkten außerhalb Königsbergs und nahe der Richtstätten möglich. Diese Märkte sind äußerst detailreich in einer kolorierten Handzeichnung auf Pergament festgehalten worden, die zu einem Kartenwerk aus den 1720er Jahren gehört. 

„Komm armes Königsberg! Komm her! Hier ist ein Spiegel, 
Der deine Scheußlichkeit dir vor die Augen stellt,
Sieh dir die Pfosten an, beschaue doch die Riegel,
Die man zu deinem Spott und Greuel aller Welt,
Vor deine Tor geleget.“ 

Dieser betrübende Vers steht dem Kartenwerk aus den 1720er Jahren vor. Es zeigt die während der Großen Pest außerhalb der Königsberger Wälle angelegten Märkte. Seit dem Jahre 1708 grassierte im gesamten Ostseeraum eine verheerende Pestepidemie. Trotz umfassender Vorsichtsmaßnahmen zur Abwehr der Seuche, wie der Reinigung von Straßen und der Kontrolle einkommender Menschen und Waren, erreichte die durch Flöhe übertragene Pest im Jahre 1709 auch Königsberg. Die Todeszahlen stiegen rasch an. Im Oktober 1709 starben über 600 Menschen pro Woche. Das städtische Leben kam zum Erliegen und die Preußische Regierung im Königsberger Schloss siedelte in das über 50 km entfernte Wehlau über.

Um ein Ausgreifen der Pest auf das umliegende Land zu verhindern, empfahl der Gouverneur Königsbergs die völlige Abschottung der Stadt. Trotz eingehender Bitten der Bürgerschaft und der Regierung, die Stadt offen zu lassen, sowie dem Umstand, dass auch das Umland bereits von der Pest erfasst worden war, ordnete König Friedrich I. die Sperrung an. Soldaten umstellten Königsberg. Zur notdürftigen Versorgung der Bevölkerung wurden Märkte an der Absperrung außerhalb der Stadt eingerichtet. Diese lagen in der Nähe der städtischen Richtstätten, weshalb sie auch als Galgenmärkte bezeichnet wurden.

Um die Land- von der Stadtbevölkerung zu trennen, umzogen doppelte Schranken die Märkte: Die Bauern standen außerhalb, die Städter innerhalb. Handel wurde über lange Bretter betrieben, die über die Schranken hinübergeschoben wurden. Die zu den Galgenmärkten strömenden Städter und die wenigen Bauern, die ihre Produkte hier verkauften, waren der Übervorteilung der als Makler auftretenden Soldaten ausgeliefert.

[Kartenausschnitt B. Signatur: GStA PK, XX. HA, AK, Atlas Nr. 10008 (Erläuterungen siehe unten)]

Man muss durch krumme Weg‘, durch Schindergruben gehen, 
Hier stunden Räder-Pfähl, dort Galgen an der Seit‘,
Hier sah man überm Kopf gebroch’ne Körper stehen,
Hier hing ein Stück vom Rumpf – zum Abscheu aller Leut‘ –
Noch an der Galgenkett‘.
...
Dem armen Bürger war der freie Kauf genommen,
Man gab ihm, was man wollt‘: was der Soldat geschätzet,
Das mußt‘ der arme Mann ohn‘ allen Abzug geben,
Indeme der Soldat das Makleramt vertrat.                                                                                                    

Erst nach fünf Wochen (am 21. Dezember 1709) wurde die Sperrung aufgehoben und die Galgenmärkte wurden geschlossen. Zum Jahreswechsel ebbte die Pest in Königsberg ab. Im Frühjahr 1710 erlosch sie ganz. Mit über 9.000 Todesopfern starb binnen weniger Monate ein Viertel der Stadtbevölkerung. Im gesamten Königreich Preußen starben in den Jahren der Großen Pest (1709 bis 1711) mit 200.000 bis 250.000 Menschen mehr als ein Drittel der Bevölkerung. Das Rétablissement des Landes und die Wiederbesetzung wüster Höfe begann teilweise bereits im Jahre 1709. Zahlreiche auswanderungswillige Pfälzer, Nassauer und Schweizer sowie aus Salzburg vertriebene Protestanten wurden angesiedelt. 

Die Große Pest erreichte im Jahre 1710 auch die Mark Brandenburg. Als Reaktion hierauf ließ König Friedrich I. im Jahre 1710 ein Pesthaus mit bis zu 400 Betten in Berlin errichten. Berlin wurde letztendlich von der Pest verschont, das Pesthaus bestand unter verschiedenen Nutzungen jedoch fort. König Friedrich Wilhelm I. verfügte im Jahre 1727 die Umwandlung des Pesthauses in ein Bürgerhospital, dass fortan den Namen Charité tragen sollte.

Das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz verfügt über zahlreiche Archivalien zu der Großen Pest in Preußen sowie zum anschließenden Rétablissement. 
 


Erläuterungen Kartenausschnitt A:
2: „Sind allerhand Leuthe aus der Stadt, so etwas Kauffen wollen. Und auch die Weiber, so mit Frühstück zuverkauffen hinaus gehen.“
3: „Der Soldat, so anstatt der dabey stehenden Bauren, denen Bürgern verkauffet.“
4: „Sind die Baurs Leuthe von Lande, so woll zu Fuss, als auch Zufahren von Einer bis Zwey Meilen her und an Kleinigkeiten zu Kauff bringen.“
9: „Der Platz mit den Brettern zwischen den Bürgern und Bauern, das Einer den Anderen nicht ansteken soll.“
10: „Die Schildtwachten, wie auch die am Pregel, wegen der Schiffahrt.“

Erläuterungen Kartenausschnitt B:
2: „Der Rossgährtsche Galgen mit denen Verfallenen Cörpern nebst denen abscheulichen anzusehenden Rädern, Brondt, Pfosten und Aasstellen“
3: „Die bey dieser Zeit aus der Stadt geschaffte und frisch in die Rauten am Wege geworffene Hunde.“
12: „Die Weiber und Andere aus der Stadt, so mitt Brodt, Licht, Brandtwein etc. zuverhökern heraus gehen.“
N3: „Der Neugemachte Weg …“
☾: „Ein Dragouner, so die Leuthe auß der Stadt fraget und dabey saget, wo Sie zum Schranken wollten, so müssen sie diesen Weg fahren. Sie kommen sonst nicht hin.“
 

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