Aus der Erschließungspraxis - Recycling vor 400 Jahren

News vom 15.12.2020

Das GStA PK präsentiert in loser Folge ausgewählte Archivalien der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Archivs aus deren Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten an den Beständen, Nachlässen und Sammlungen.

Fragment der Homilien des Beda Venerabilis
Fragment der Homilien des Beda Venerabilis. Signatur: GStA PK, XX. HA, Hs, Nr. 132/58

Archive präsentieren gern und stolz ihre ältesten Stücke und geben auf die hochbetagten Archivalien ganz besonders acht. Die ältesten Überlieferungen eines Archivs findet man in der Regel in seinen Urkundenbeständen. Im Geheimen Staatsarchiv PK (GStA PK) existieren sogar gleich drei Urkundenbestände, deren Überlieferungen unterschiedlich früh einsetzen: Die ältesten Urkunden stammen jeweils aus den Jahren 1328 (Brandenburg-Preußisches Hausarchiv, BPH), 1191 (Historisches Staatsarchiv Königsberg, XX. HA) und 1188 (Allgemeine Urkundensammlung, VII. HA).


Dem Überlieferungszufall sei Dank, befinden sich im GStA PK aber auch noch ältere Handschriften. Es handelt sich dabei um Fragmente mittelalterlicher Buchhandschriften, die als Bücher eigentlich schon einmal ausgedient hatten und nur durch frühneuzeitliches Recycling bis heute überdauert haben. 
Diese Fragmente stammen hier ganz vorwiegend aus dem Historischen Staatsarchiv Königsberg. Diese Überlieferung wurde 1944/45 nach Westdeutschland ausgelagert, um sie vor möglichem Kriegsverlust zu bewahren. Sie wurde im Staatlichen Archivlager Göttingen verwahrt, bis sie 1979 schließlich ins GStA PK nach Dahlem kam. Einen sehr großen Bestandteil dieses Archivs bilden die sogenannten Ostpreußischen Folianten. Hierbei handelt es sich um gebundene Bücher, in denen die Beamten in Ostpreußen vom 16. bis ins 18. Jahrhundert ihre Amtsrechnungen führten, aber auch Gerichtssachen oder anderweitige Amtsgeschäfte schriftlich festhielten. Die Ostpreußischen Folianten sind in den vielfältigsten Formen und Farben überliefert. Viele weisen gewöhnliche Gebrauchseinbände aus Leder oder Pappe auf beziehungsweise sind in hübsch verziertes Brokatpapier eingebunden. Andere wiederum hatten die zeitgenössischen Buchbinder als sogenannte Koperten gebunden – in einen Schutzumschlag aus Pergament, auf den die Buchlagen mit Zierstichen direkt geheftet wurden. Pergament war besonders robust, aber auch sehr kostbar. Darum bediente man sich bei materiell oder inhaltlich wertlos gewordenen, und deshalb aussortierten beziehungsweise makulierten Pergamenthandschriften.


Als die Jahresrechnung des Amtes Neuhaus für das Rechnungsjahr 1600 - 1601 (Signatur: GStA PK, XX. HA, Ostpr. Fol. 7662) gebunden wurde, griff der Buchbinder zu einem pergamentenen Doppelblatt von 40 x 26 cm, schlug das Buch darin ein, befestigte den Einband und beschriftete ihn mit dem Amtsnamen und dem Rechnungsjahr: „Neuenha[u]s 1601“. Den Titel platzierte er mitten auf dem alten Text – und interessierte sich vielleicht nicht einmal dafür, dass das Fragment, mit dem er da hantierte, vor dem Jahr 1050 entstanden und zum Zeitpunkt seines Recyclings also bereits mindestens 500 Jahre alt war.
Bei dem Text des Fragments handelt es sich um Teile der Homilien, ein mittelalterlicher Predigttext zur religiösen Unterweisung, des Beda Venerabilis, eines angelsächsischen Geistlichen. Die Handschrift besteht aus spätkarolingischen Minuskeln und weist auf der Innenseite eine rote Initiale mit ornamentaler Verzierung auf.


Erkenntnisse zu Alter und Inhalt solcher Fragmente verdanken wir der noch jungen Wissenschaft der Fragmentologie, die solchen zufällig überlieferten Überresten mittelalterlicher Handschriften nachspürt, und die auch bereits am GStA PK Einzug erhalten hat. Beispielsweise katalogisierte Anette Löffler die Fragmente liturgischer und nicht-liturgischer Handschriften, Stefanie Bellach wiederum forscht zu Fragmenten im GStA PK, die auf die Zeit um 800 datiert werden und vermutlich mit dem Book of Kells verwandt sind.


Die wissenschaftlichen Geister scheiden sich allerdings grundlegend an der Frage, ob ein solcher Pergamenteinband einer Koperte von seinem Trägerband getrennt werden und das Fragment aus seinem „neuen“ Kontext herausgelöst und glattgelegt werden sollte, um es als Teil einer älteren Überlieferung vollständig erforschen zu können. Auch auf diesem Gebiet kann jedoch die Digitalisierung neue Möglichkeiten aufzeigen.


Fragment der Homilien des Beda Venerabilis. Signatur: GStA PK, XX. HA, Hs, Nr. 132/58

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