Unter enormem Zeitdruck. Die Rückkehr der Dahlemer Akten aus Merseburg

News vom 25.11.2020

Vor 30 Jahren fand die deutsche Wiedervereinigung statt. Der Landesverband Berlin im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare nahm das Jubiläum zum Anlass, um an die Zusammenführung der zwischen West und Ost getrennten Archivbestände zu erinnern. In der Berliner Archivrundschau 2020-2 erschien das nachfolgend abgedruckte Gespräch mit Frau Elstner.

Ankunft des ersten Eisenbahnwaggons mit Archivalien aus Merseburg im Westhafen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Geheimen Staatsarchivs aus Dahlem und Merseburg bei der Ankunft des ersten Eisenbahnwaggons mit Archivalien aus Merseburg im Westhafen, 1993 (2. v. l. Waltraud Elstner), © GStA PK / Christiane Liebold, Susanne Tietzmann

Waltraud Elstner hat u. a. an der Fachschule für Archivwesen in Potsdam Archivwissenschaft und Paläographie gelehrt. Von 1991 bis 2008 war sie wissenschaftliche Archivangestellte beim Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz und dort auch mit dem Rücktransport der Akten, die während des Krieges ausgelagert und danach in Merseburg betreut worden waren, beauftragt. Mit ihr sprach Ingrid Männl, Leiterin der Kommunikation des Geheimen Staatsarchivs.


Ingrid Männl
Wir lernten uns erst am 1. September 1991, Ihrem ersten Arbeitstag im Geheimen Staatsarchiv, kennen. Sie waren eingestellt worden, um den Umzug der im Zweiten Weltkrieg ausgelagerten und bis zur Wiedervereinigung in Merseburg aufgestellten Bestände des Geheimen Staatsarchivs nach Berlin zu organisieren – und ich war erst kurz zuvor Referentin geworden. Am 3. Oktober 1990, dem Tag der Deutschen Einheit, befand ich mich noch zur Ausbildung an der Archivschule in Marburg. Wo waren Sie zu diesem Zeitpunkt tätig?


Waltraud Elstner
Ich war damals noch an der Fachschule für Archivwesen in Potsdam beschäftigt. Dort gab ich Unterricht im Fach Archivwissenschaft und war Fachgruppenleiterin für die archivspezifischen Fächer. Außerdem betreute ich die Inhalte der Archivpraktika und vermittelte die Auszubildenden an die Praktikumsarchive, so dass neben meiner Lehrtätigkeit auch der Bezug zur Archivpraxis erhalten blieb. In Potsdam lernte ich bereits den damaligen Direktor des Geheimen Staatsarchivs, Professor Werner Vogel, und seinen Stellvertreter, Dr. Stefan Hartmann, kennen, die gleich nach der Wende Kontakt zur Fachschule für Archivwesen aufgenommen hatten. Dr. Hartmann wurde später mein langjähriger Abteilungsleiter im Geheimen Staatsarchiv.


Ingrid Männl
Die Rückführung von 25.000 laufenden Metern Archivgut von Merseburg nach Berlin war zweifelsohne eine Mammutaufgabe. Was haben Sie dabei als die größte Herausforderung angesehen?


Waltraud Elstner
Das war mit Sicherheit der enorme Zeitdruck, unter dem wir standen. Das Archivgut wurde ja von der Deutschen Bahn auf insgesamt 58 Waggons von Merseburg in den Westhafen transportiert, wo ein ehemaliger Getreidespeicher in ein Archivmagazin umfunktioniert worden war. In Merseburg mussten die Aktenpakete immer rechtzeitig gepackt und auf die Eisenbahnwaggons geladen und dann im Westhafen wieder zügig von den Waggons abgeladen werden, so dass der nächste Aktentransport schnellst möglichst erfolgen konnte. Hinzu kamen die erschwerten Arbeitsbedingungen im Westhafen. Dort gab es nämlich weder elektrisches Licht noch einen Aufzug und auch kein Wasser und keine Toiletten. Außerdem hatten wir uns zum Ziel gesetzt, die nach Berlin zurückgeführten Bestände gleich wieder für die Benutzung im Forschungssaal in Dahlem zur Verfügung zu stellen – auch dadurch entstand ein großer Druck auf unsere Arbeiten im Magazin.


Ingrid Männl
Der damalige Stiftungspräsident, Professor Werner Knopp, hat immer wieder betont, dass in keiner Einrichtung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Vereinigung so reibungslos verlief wie im Geheimen Staatsarchiv. Was war Ihrer Meinung nach der größte Unterschied zwischen West und Ost, den es in der Archivpraxis zu überwinden galt?


Waltraud Elstner
Das waren die prinzipiell unterschiedlichen Ansätze, nach denen die Aufstellung der Archivbestände in Dahlem und in Merseburg erfolgt war. Im Preußischen Geheimen Staatsarchiv in Dahlem waren die Bestände im Wesentlichen nach dem Akzessionsprinzip, also willkürlich hintereinander gereiht, in Reposituren aufgestellt worden. In Merseburg dagegen hatte man die Bestände gemäß einer Tektonik, das heißt nach systematischen Gesichtspunkten geordnet, in einer Dezimalklassifikation aufgestellt. Vor der Rückführung der Merseburger Bestände diskutierte man lange über die Vor- und Nachteile der beiden unterschiedlichen Aufstellungen. Schließlich entschied man sich dafür, den historisch gewachsenen Bestandsaufbau des Preußischen Geheimen Staatsarchivs wiederherzustellen. Somit wurden die aus Merseburg zurückgeführten Bestände wieder in die ehemalige Repositurenfolge des Geheimen Staatsarchivs eingegliedert.


Ingrid Männl
Vor der Aufgabe, die zwischen West und Ost getrennten Archivbestände zusammenzuführen, standen nach der Wende auch andere Archive in Berlin, wie beispielsweise das Landesarchiv und das Stadtarchiv Berlin. Inwieweit kam es in dieser Situation zu einem Erfahrungsaustausch unter den Berliner Archiven?


Waltraud Elstner
Das Geheime Staatsarchiv verfügte schon allein aufgrund der horrenden Masse an Archivgut, die es zusammenzuführen galt, in allen Fragen, die die Logistik und die praktische Durchführung eines Archivumzugs betrafen, über eine breite Erfahrung. Hinzu kamen dann noch die Erfahrungen, die es in technischer Hinsicht durch die Einrichtung eines Archivmagazins in dem ehemaligen Getreidespeicher im Westhafen gesammelt hatte. Auf diese Erfahrungswerte griffen andere Archive im Berlin-Potsdamer Raum, die vor ähnlichen Problemen standen, gerne zurück. Es kam zu einem Erfahrungsaustausch mit dem Landesarchiv Berlin, dem alten Stadtarchiv Berlin, dem Bundesarchiv, dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amts und auch dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam.


Ingrid Männl
Wie würden Sie die Rolle des Geheimen Staatsarchivs bei diesem Erfahrungsaustausch unter den Archiven im Berlin-Potsdamer Raum charakterisieren?


Waltraud Elstner
Ich würde schon sagen, dass das Geheime Staatsarchiv einfach allein aufgrund seiner einschlägigen Erfahrungen, die es bei der Rückführung der Merseburger Bestände nach Berlin sammeln konnte, eine Vorreiterrolle einnahm. Die Erfahrungen in den Bereichen der Magazintechnik und der Lagerung der Bestände sowie in Fragen der Bereitstellung der Archivalien für die Benutzung standen dabei im Mittelpunkt.


Ingrid Männl
In welcher Form setzte sich der durch die Wiedervereinigung initiierte Erfahrungsaustausch unter den Berliner Archiven fort?


Waltraud Elstner
Die Runde, die sich unter den Berliner Archiven etabliert hatte, blieb bestehen, auch nachdem die aktuellen Herausforderungen der Zusammenführung der zwischen West und Ost geteilten Bestände bewältigt worden waren. Es kam jetzt zu gegenseitigen Besuchen in den Archiven, bei denen man sich regelmäßig über Fragen austauschte, die von der praktischen Archivarbeit im Magazinbereich ausgingen. Man sprach über die Verpackung der Archivalien, Maßnahmen zur Erhaltung der Archivbestände, die Organisation der Aktenausgabe an die Benutzer und erstmals auch über eine gemeinsame Notfallplanung. Auf diese Weise entstand ein Gemeinschaftsgefühl unter den Archiven im Berlin-Potsdamer Raum.


Ingrid Männl
Sie sind bereits seit zwölf Jahren im Ruhestand. Wenn Sie an Ihren ehemaligen Arbeitsbereich, den Magazinbereich im Geheimen Staatsarchiv, denken, was erstaunt Sie dann heute, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, am meisten?


Waltraud Elstner
Am meisten erstaunt mich, dass das vor knapp 30 Jahren als Provisorium eingerichtete Außenmagazin Westhafen noch immer besteht und die fachgerechte Unterbringung der Bestände des Geheimen Staatsarchivs bis heute nicht zufriedenstellend gelöst werden konnte. Erstaunt bin ich auch darüber, dass der schlechte bautechnische Zustand des Dahlemer Magazins noch nicht verbessert wurde und bisher keine Maßnahmen ergriffen werden konnten, um die auch für die internationale Forschung so bedeutenden Bestände des Geheimen Staatsarchivs besser zu schützen. 1


1 Zurzeit erfolgen konkrete Planungen zur Sanierung des Dahlemer Altmagazins (Ergänzender Hinweis von Seiten des Geheimen Staatsarchivs).


Hier gelangen Sie zur vollständigen Ausgabe der Berliner Archivrundschau 2020-2.

Waltraud Elstner beim Grußwort zum Festakt „25 Jahre Wiedervereinigung der Bestände des GStA PK“ am 13. April 2018, © GStA PK / Christine Ziegler

Literaturhinweis
Zum Rücktransport der im Zweiten Weltkrieg ausgelagerten Akten des Geheimen Staatsarchivs sind bereits folgende Publikationen erschienen:
- Aktenfahrplan. Waltraud Elstner und Werner Vogel vom Geheimen Staatsarchiv PK über das Zusammenwachsen des Gedächtnisses Preußens aus Ost und West. In: SPK Magazin. 2015/2. Internet: http://www.preussischer-kulturbesitz.de/newsroom/dossiers-und-nachrichten/dossiers/dossier-wiedervereinigung/aktenfahrplan.html (24.11.2020)
- Preußens Akten sind zurück. 25 Jahre Rückkehr der Archivalien des Geheimen Staatsarchivs aus Merseburg nach Berlin. Berlin 2019
 

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